DEN KUNSTTEMPELN FEHLEN JUGENDLICHE

Auszug Kölner Stadt-Anzeiger, Caroline Kron, 20.2.2018

Bonn – „Gedanken hat das Alter, die Jugend hat Ideen.“ Ob die jungen Gründer der agon-Gesellschaft zur Förderung von Theater und Musik diese Weisheit kennen oder nicht: Sie könnte als Motto der Podiumsreihe dienen, zu deren Auftakt Arthur Abs, 19, und Johannes zu Oettingen-Wallerstein, 19, in das Auditorium des Kunstmuseums Bonn geladen hatten, um mit Kulturschaffenden und Jugendlichen darüber zu diskutieren, wie man das kulturelle Potenzial junger Menschen besser herauskitzeln und fördern kann.

Auf der Gästeliste standen neben dem Hausherrn Stephan Berg auch der Chef der Kölner Philharmonie Louwrens Langevoort, „wir helfen“-Vorsitzende Hedwig Neven DuMont sowie Ruth Gilberger, Mitglied des Vorstands der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft. Sie erörterten in angeregter Debatte unter anderem diese Fragen:

Wie kann das Potenzial der Jugend gefördert werden?

„Die Eigeninitiative junger Menschen wird in unserer Gesellschaft allgemein wie im künstlerischen Bereich im Speziellen zu wenig gefördert“, kritisierte Abs – und erklärte damit auch seine Motivation, im April 2017 die „agon-Gesellschaft“ zu gründen, die diese Lücke schließen soll. Indem sie von der Jugend initiierte künstlerische Projekte professionell unterstützt. Blieb die Frage, wer für diese Förderung verantwortlich ist. Die Vertreter der kulturellen Institutionen plädierten dafür, dass vor allem die Politik – und jeder Einzelne als Wähler – gefragt sei, da Museen, Konzert- und Theaterhäuser mit ihren Angeboten den Auftrag der Kulturbildung und -förderung bereits erfüllten.

Sind die Kulturstätten nicht mehr zeitgemäß?

Diese Angebote seien aber, so die Kritik der Jugend, von Erwachsenen für Jugendliche gestaltet. Weshalb das Publikum der Kunststätten parallel zum Programm vergreise. Zwar gebe es zahlreiche museums- und theaterpädagogische Angebote für Fünf- bis Zwölfjährige, kaum aber für Jugendliche, die, so Abs, „eine coole Freizeitgestaltung suchen, auf Partys gehen und sich bevorzugt in der digitalen Welt bewegen“. Stephan Berg gab zu Bedenken, dass Museen zwar „auch Orte des Vergnügens, der Überraschung und der Erholung bieten sollen – aber keine Orte der Bespaßung im Partystil sind“. Ruth Gilberger war der Meinung, dass man die Jugend am ehesten ernst nähme, wenn man ihr kein speziell auf sie zugeschnittenes Programm anböte, sondern eines, das überrascht, Fremdes, Neues, Anderes bietet, als das, was die Lebenswelt der Jugend bereithält. „Meine Begeisterung für klassische Musik wurde auch nicht im Jugendzentrum geweckt“, kommentierte Louwrens Langevoort knapp und treffend.

Wer sollte als Impulsgeber agieren?

Der Konter der Jugend folgte auf dem Fuße: „Wir brauchen keine Ideengeber! Einfälle und Neugierde haben wir genug, wissen selbst am besten, was uns interessiert – müssen aber bei der Umsetzung unserer Ideen ernster genommen und professioneller unterstützt werden.“ Jugendliche sollten deshalb nicht nur als passive Besucher, sondern als aktive Teilnehmer gewonnen werden. Die beiden Intendanten betonten, dass ihre Häuser regelmäßig Veranstaltungen von Jugendlichen anböten – das Problem aber sei, dass Studierende die kaum wahrnehmen würden und generell zu den seltensten Besuchern ihrer Häuser zählten.

Wer weckt das Interesse an Kultur und wann?

Einig waren sich Jung und Alt, dass das Interesse möglichst vor Pubertät und Partyzeit geweckt werden müsse. „Um eine Neugierde für Musik zu entfachen“ bietet die Philharmonie etwa seit Jahren Babykonzerte in verschiedenen Stadtteilen Kölns an. Und das Bonner Kunstmuseum setzt sich mit dem Modellprojekt „Museumscurriculum“ dafür ein, dass Museen schon in den Grundschulen in die Lehrpläne implementiert werden, „um eine natürliche und langfristige Bindung an solche Orte zu erreichen“, so Berg.

Inwiefern sind Eltern in der Pflicht?

Ruth Gilberger regte an, in der Frage der Vermittlung von Kunst die Beteiligung der Eltern stärker einzubeziehen. Dafür müsse über eine andere Form der Kommunikation nachgedacht werden. Denn: „Kunst ist nicht, wie Eltern meist vermittelt wird, das elitäre Sahnehäubchen der Bildung, sondern deren integraler Bestandteil.“

Wie können alle Kinder erreicht werden?

Als Paradebeispiel dafür, dass Jugendliche auch Anreize von außen brauchen, nannte Hedwig Neven DuMont den Kölner Verein „Planet Kultur e.V“. Das von „wir helfen“ initiierte und geförderte Theater- und Ausbildungsprojekt beweise anschaulich, wie sehr Musik und Schauspiel dazu in der Lage sind, Jugendliche, die im Abseits der Gesellschaft stehen, wieder in deren Mitte zu bringen – und zu einem Schulabschluss zu motivieren. Hedwig Neven DuMont: „Wenn Jugendliche aktiv an einem Theaterprojekt beteiligt werden, fördert das ihre Verantwortung, Disziplin und Teamfähigkeit. Wenn sie abschließend auf einer großen Bühne der Stadt beklatscht werden, gibt ihnen das Selbstvertrauen, das Gefühl endlich auch Erfolg zu haben – und nicht immer der Versager zu sein.“

Verhindert die digitale Welt kulturelle Teilhabe?

Abschließend wurde heftig darüber diskutiert, inwieweit sich Museen, Konzertsäle, Bühnen, allesamt letzte Bastionen des Analogen, der Digitalisierung stellen sollen. Und ob die virtuelle Welt, Lebensmittelpunkt junger Menschen, Kulturerlebnissen in Echtzeit im Wege steht. Ruth Gilberger mahnte an, dass man aufhören müsse, in Gegensätzen zu denken. „Schließlich bergen etwa virtuelle Rundgänge durch Museen die Chance für alle, von Zuhause aus die Kunstwelt zu erkunden. Dadurch wächst auch das Bedürfnis, Kunst vor Ort erleben zu wollen.“ Auch wenn Arthur Abs und Johannes zu Oettingen-Wallerstein an diesem Abend keine Patentrezepte für die professionelle Förderung der Jugend erhielten, so ist ihnen ihr zweites Ziel – neben der Kulturförderung – gehörig gelungen: Einen gesellschaftlichen Diskurs über das künstlerische Potenzial der Jugend zu starten.

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