ZEITRAUM. SPIELRAUM. FREIRAUM

In einem mehrmonatigen Improvisationsworkshop  zum Thema “Zeit” haben zwölf Jugendliche mit den Musikern Rainer Weber und Detlef Brenken von Ende November 2017 bis Mitte Februar 2018 ein performativ-musikalisches Projekt mit dem Titel ZEITRAUM. SPIELRAUM. FREIRAUM.
 entwickelt, das während der Podiumsdiskussion im Kunstmuseum Bonn aufgeführt wurde. Über drei Monate haben sie musikalische Improvisationen mit Trompete, Saxophon, Geige, Querflöte und Bass zu eigenen Texten und einem Schauspiel erarbeitet. Die wöchentlichen Proben fanden in einem Künstleratelier in der Bonner Altstadt statt. Dabei sind spannende, kritische und emotionale Texte entstanden, die die Lebenswirklichkeit, Probleme und Wünsche der Jugendlichen widerspiegeln. Sie erzählen von Begeisterung wie von Trotz, von Zuversicht wie von Zweifeln und drücken aus, was junge Menschen bewegt. Die agon-Gesellschaft hat das Projekt initiiert, finanziert, die Proberäume sowie die Veranstaltung im Kunstmuseum am 7. Februar 2018 organisiert.

 

Wach’ endlich auf und nutz’ die Zeit

WhatsApp, Instagram, Facebook oder Twitter, nur nicht offline sein, das wär‘ bitter. Smartphone und Tablet sind immer dabei, alles andere ist einerlei. //  Schule, lernen, spielen? Keine Zeit, muss das nächste Level erzielen. Ein Punkt hier, ein Poki dort, immer weiter, immer fort.  //  Du darfst nichts verpassen, bist jederzeit auf Empfang. Sonst bist Du schnell eine Stufe runter im Rang.  //  Hier ein Snap, dort ein Chat, statt Wirklichkeit gilt nur der Schein. Auf eines kommt es doch nur an: Star für einen Augenblick zu sein.  //  Du zählst die Follower, Fans und Likes, Hundert, Tausend eine Million. Echte Freunde sind pure Illusion.  //  Wer braucht heut’ noch Realität, dafür ist’s doch viel zu spät. Virtuell geht’s durch die Welt, das wahre Leben ist hier abbestellt.  //  Schaust und horchst Du aber mal in Dich hinein, stellst Du fest: Ich bin allein.  Dann fragst Du Dich in einem stillen Moment nach Deinem vergessenen Talent.  //  Wolltest Du nicht musizieren, gar Theater, Schauspiel ausprobieren? Mit Freunden lachen, feiern und zusammen sein, Dich von all’ den Grenzen befreien?  //  Hättest sie fast vergessen, Deine vielen Interessen. Deine Möglichkeiten nicht erkannt, Dich in geistige Leere nur verrannt.  //  Leise verrinnt wertvolle Zeit und Du spürst immer mehr die Traurigkeit. Hast Dich um Fähigkeiten gebracht, und niemals über Dein eigenes Leben nachgedacht. (Victor, 15 Jahre)

Ich stehe hier

Ich stehe hier. Werdet ihr mir zuhören? Mich ernst nehmen? Oder werdet ihr meine Worte und Sätze mit Pubertät begründen. Wie eine Krankheit. Nur eine Phase der Entwicklung, die hoffentlich bald überstanden ist.
Aber müsstet ihr mich nicht gerade deswegen ernst nehmen, weil ich hinterfrage, statt alles so anzunehmen wie es ist? Weil meine Empfindungen noch nicht vom Alltag des Erwachsenseins abgestumpft sind. Jetzt sagt nicht aber …. Hört mir zu und denkt vielleicht ein bisschen über das, was ich zu sagen habe, nach.
Ihr werft mir vor, ich sei zu viel am Handy! Ich frage euch: Wer verantwortet eigentlich, dass Psychologen daran arbeiten, diesen magischen Sog zu gestalten, der mich einlullt, von meinen Aufgaben weg in eine virtuelle, nicht reale Welt zieht, die mir ein perfektes Leben vorgaukelt?
In der Beliebtheit eine Währung ist. Die mich dazu bringt, mich hässlich und schlecht zu fühlen, weil ich nicht aussehe wie ein Stereotyp, der dort angepriesen wird. Wer?
Wie soll ich dem wiederstehen, was von Menschen mit vielen Jahren Studium und Erfahrung entwickelt wurde? Das ist kein fair play.
Und dann sitze ich morgens übermüdet im Unterricht, die Fenster aufgerissen, mit schlechter Laune und habe keinen sehnlicheren Wunsch als zurück ins Bett. Und das alles weil ich nicht stark genug bin um gegen diesen scheiß Sog anzukommen, bis es spät abends ist und ich dann doch noch die Hausaufgaben mache.
Und dann ist da noch dieser Drang. Ein Drang, verstanden zu werden. Ein Durst nach Anerkennung, wie kann ich etwas ausdrücken, so dass jeder es versteht? Warum stehen nach jeder impulsiven Tat immer Leute da, die sich kopfschüttelnd über mich lustig machen?
Bin ich die Einzige, die so denkt? Versteht ihr was ich sage? Oder werden am Ende doch wieder Leute kopfschüttelnd und unverständnisvoll lächeln? (Sophie, 14 Jahre)

Impressionen der Probenphase